• simonmitterbauer

Schockdown




Es ist ja wirklich kaum zu fassen. Da hat doch schon wieder jemand die Matrix umgeschrieben. Eindeutig. Nicht zu übersehen dieses Dejà-vu. Wieder November. Wieder grau in grau. Wieder den Sommer verschlafen. Wieder Lockdown. Wieder ein letztes Schnitzi beim Wirtn bevor wir uns zu Hause einmümmeln. Ein paar wenige Glückliche haben es noch zum Frisör geschafft. Ein paar haben noch gschwind die Weihnachtsfeier vorgezogen, aber nur um den Wirtn finanziell zu unterstützen ;). Andere haben noch schnell die Einkaufszentren gestürmt. Jetzt einmümmeln.

Man könnte fast ein wenig den Mut verlieren. Könnte.
Hätte Hätte Fahrradkette.

Wir werden auch dieses Mal das Beste draus machen.

Wir werden unseren Kindern erklären dass die Geburtstagsparty wieder mal nicht stattfinden wird. Wir werden sie voller Liebe umarmen und trösten.

Wir werden irgendwie Schule, Arbeit, Privat, Haushalt und all das andere unter einen Hut zu bringen versuchen.

Wir werden spazieren gehen, bis wir jedes zu Boden gefallene Blatt persönlich beim Namen kennen.

Wir werden daheim sein, daheim sitzen, liegen, schlafen, arbeiten, lernen oder auch nicht, trainieren, faul sein.

Wir werden kochen. Selber kochen. Mmhhhh.

Wir werden weinen, verzweifeln, wir werden einander trösten und weitermachen.

Wir werden die Zeit nutzen um Gespräche zu führen, die längst überfällig sind oder für die wir uns sonst keine Zeit nehmen.

Wir werden die Informationsallergiker:innen und Verschwörungsaffinen auf unserer Facebook Freundschaftsliste nicht gleich löschen. Weil eine Gemeinschaft sowas aushält. Und weil wir wissen dass die Lautesten am meisten Angst haben.

Wir werden einander zuhören und verstehen wollen. Wir werden weiterhin nicht einer Meinung sein, aber wir werden das aushalten.

Wir werden weiterhin wissen, dass nicht jede ungeimpfte Person gleich ein Verschwörungstheorie-Fan ist.

Wir werden dennoch fragen warum wir uns einer Impfung wegen befürchteter Langzeitfolgen verweigern, uns dann umdrehen und uns noch eine Portion Pommes reinstellen, deren Transfette-Langzeitwirkung längst belegt ist.

Wir werden uns fragen, warum wir uns freiwillig einer Schönheits-OP mit erheblichen Risiken unterziehen, aber eine Impfung verweigern. 

Wir werden uns fragen warum sich manche von uns irgendwelche Scheiß Drogen einwerfen, über die sie genau gar nichts wissen, um dann fest demonstrieren zu gehen, irgendwas von Freiheit reden und eigentlich nur Angst haben.

Wir werden informieren und diskutieren, wie wir mit einer Pocken-Impfpflicht letztes Jahrhundert Vieles richtig gemacht haben und auch nicht gleich in einer Diktatur gelandet sind.

Wir werden darüber reden wo die Grenzen zwischen Gemeinschaft und persönlicher Freiheit verlaufen. Und wir werden zuhören.

Wir werden darüber reden wo das Gleichgewicht zwischen Rechten und Pflichten in einer Gemeinschaft liegt. Und wir werden zuhören.

Wir werden darüber reden warum ein Staat nicht nur Dienstleister ist und wir bei Unzufriedenheit einfach so den Anbieter wechseln sollten.

Wir werden dennoch auch darüber reden, was hier politisch alles verabsäumt wurde. Wir werden über Narzissmus in der Politik sprechen.

Wir werden uns überlegen, ob Pizza die Welt retten könnte.

Wir werden uns – dort wo wir dürfen und sollen – umarmen, lange umarmen, um die Oxytocin-Produktion anzukurbeln.

Wir werden mit dem im Überfluss vorhandenen Klopapier allerhand Unfug anstellen (Klopapierschlacht, Basteln, …) und mit unseren Kindern lachen, bis uns der Bauch weh tut.

Wir werden mit dem im Überfluss vorhandenen Bier vernünftig umgehen.

Wir werden, bevor wir unsere Frau verdreschen, aus dem Haus gehen und bei einer dieser Männer-Selbsthilfe-Hotlines anrufen.

Wir werden froh sein, dass sich unsere Eltern erst angesteckt haben, als sie doppelt geimpft waren. Manche von uns werden ihre Eltern begraben müssen.

Manche von uns werden ihre Kinder begraben müssen.

Wir werden Pflegepersonal verlieren. Wegen Corona, Burnout oder aus Selbstschutz-Kündigung.

Wir werden streiten ob wir beim Italiener oder beim Chinesen bestellen sollen um dann zu merken, dass während dieses Streits wieder tausende Kinder dieser Welt verhungert sind. Vielleicht werden wir sogar merken, dass es uns sehr wohl etwas angeht. Weil wir beginnen zu verstehen, dass alles mit allem zusammenhängt.

Wir werden an all jene denken die seit so langer Zeit so Außergewöhnliches leisten und wir werden auch unseren Beitrag leisten. 3 Wochen in der Wohnung sitzen. Etwas, das womöglich sogar schön wäre wenn wir es freiwillig tun dürften. Waren dass noch Zeiten als wir vom Urlaub auf Balkonien träumten.

Wir werden auf Dinge zurückgreifen die wir schon kennen, wie den LEO Newsletter oder die Elternseite von Rat auf Draht oder auch das Krisen-Navi.

Wir werden unsere Nachbarn fragen ob es Ihnen gut geht und einander helfen.

Wir werden unseren Problemen Berechtigung geben und uns gleichzeitig daran erinnern, wie viel schlimmer es uns an anderen Orten dieser Welt gehen würde und wie viel schlechter wir es erwischt haben könnten. 

Wir werden uns den Humor nicht nehmen lassen.


Und wir werden beim „gemeinsam“ bleiben. Denn die Alternative ist gemein und einsam.






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