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  • simonmitterbauer

Relativ Relativ

Ein Bekenntnis.



Einstein? Sorry. Ein fettes Sorry an alle Physik-Fans. Zumindest was die Relativitätstheorie betrifft. Um die geht es hier nicht. Es soll hier um die Gefahr des Absoluten gehen.



Also vielleicht landen wir ja doch bei der Relativitätstheorie, ich kenn sie ja nicht. Also nur insofern als dass ich mich in einem Zug bewegen kann und wenn der Zug mit Lichtgeschwindigkeit fährt, ich mich dann verjüngere oder altere oder langsamer altere oder was auch immer. Dass halt Zeit relativ ist. Ich verzettle mich.


Relativ Relativ!

Für Menschen, die nie eine Zwangsstörung ihr Eigen nannten (Meiiiin Schaaaaatz) oder zumindest einen Tick liebevoll kultivierten oder sagen wir zumindest dreimal zurücklaufen und schauen ob eh der Herd abgedreht ist (oder das Bügeleisen, oder was auch immer, …), für Menschen die das nicht kennen, mag es weit hergeholt sein. Alle anderen können wohl dieses Gefühl von Sicherheit und Stabilität erahnen, dass uns klare Strukturen, Betonregeln, ein Tick oder 100%ige Antworten liefern.


100%ige Antworten sind das Gegenteil von Wissenschaft. Weil wissenschaftliches Arbeiten (unter anderem) bedeutet, eine Theorie aufzustellen und diese mittels Praxistest (Messungen, Experimente, …) zu prüfen. Eine Theorie gilt so lange als „gültig“, bis sie widerlegt wird (Falsifizierbarkeit (sofern das noch gilt was ich vor 20 Jahren auf der Uni gelernt hab und noch nicht einer gewissen „Orbanisierung“ zum Opfer gefallen ist)).



Anmerkung: Was mich schon immer fasziniert, verunsichert und belustigt gleichermaßen hat, ist die Existenz von Axiomen, die – ich zitiere hier jetzt der Einfachheit mal Doktor Google, aber so ähnlich hab ich es schon auch auf der Uni gelernt – die wie folgt beschrieben werden können: „Ein Axiom ist eine allgemein anerkannte Grundregel und muss deshalb auch nicht bewiesen werden. Jeder geht also davon aus, dass ein Axiom richtig ist.“ (Quelle; abgerufen am 08.08.2023)

Das erste Wort dass mir dazu einfällt? "ABSOLUT"

Es erinnert mich auch an sagenhafte Vorfälle an der Uni, die ich aber nur mehr als Gedächtnisprotokoll wiedergeben kann und – so befürchte ich – weder verifizieren noch falsifizieren kann. Da gab es noch den Vorfall der „Leeren Menge“. Die Mengenleere, tschuldigung, Mengenlehre mit dem axiomatischen Problem der Leeren Menge. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Jedenfalls hat irgendwann irgendwer gesagt: "Aus. Wir definieren das jetzt als leere Menge!" (Ich glaub es ging darum dass sie nicht wussten wohin mit der leeren Menge, denn wenn die Leere Menge eine Menge ist, dann kann sie nirgends rein gehören, weil es sonst ja keine leere Menge geben kann, weil immer MINDESTENS die leere Menge drin ist. Oder es war so dass sie nicht wussten ob eine Menge ohne Elemente eine Menge sein darf, wenn nix drin ist. Geil oder?)


Und dann gab es da noch den Vorfall in der VWL Vorlesung, als nach einem beherztem Monolog über Wirtschaftswachstum und die dazugehörigen Formeln, Berechnungen, Zusammenhänge und Kennzahlen sich jemand erdreistete zu fragen wohin das denn führen solle? Es könne doch nicht ewig wachsen. Die Antwort – ein Gedankenprotokoll – war ein durchaus mutig bekennendes, gleichsam kryptisch formuliertes und auf keinen Fall einklagbares „Wir wissen das. Jeder der sich auskennt, weiß dass das System von Zeit zu Zeit crashen muss“. Kannste nicht erfinden. VWL auf der Uni anno 1994.


Wissenschaft ist grade nicht so beliebt. Ich glaube (haha, wenn zwischen „Wissenschaft“ und „glaube“ nur 6 Wörter stehen, sollten wir Verdacht schöpfen) dafür gibt es viele Gründe, zwei sehe ich im Vordergrund. Langfristig zeichnen sich die Folgen jahrzehntelanger missglückter oder nicht betriebener Bildungspolitik ab (ich meine damit halt auch soziale und Persönlichkeitsbildung). Ich hab da ein Video gefunden, das ganz gut passt:



Ich verzettle mich dauernd.

Relativ Relativ!

Wissenschaft ist grade nicht so beliebt. Langfristig: Bildungspolitik. Kurzfristig hat, so denke ich, die Pandemie als Beschleuniger fungiert. Wenn so viele Sicherheiten wegbrechen, klammern wir uns an alles was festhält. Was hält fest? Bekanntes, Altbewährtes, Betonregeln, 100%ige Antworten. Alles das Gegenteil von Wissenschaft. Im Übrigen auch alles das Gegenteil von LEBEN. Denn Leben ist Veränderung. Wenn sich nichts mehr ändert, bist Du tot. Veränderung gegenüber steht Konservierung (von lateinisch conservare „erhalten“, „bewahren“ (Quelle; abgerufen am 08.08.2023)).


Woraus sich auch der Begriff „konservativ“ ableitet. Weshalb sich konservative Parteien auch stets von lebendigen Parteien unterscheiden werden. Und nein, das ist kein politisches Bekenntnis. Denn man kann auch zu schnell sein im Fortschritt. Ihr müsst die Leute mitnehmen! Und ja, das ist alles viel anstrengender als zu konservieren. Es hat was mit Mut und Verantwortung zu tun.


Hab ich schon erwähnt dass ich mich dauernd verzettle? Der ursprüngliche Impuls für diesen BLOG war irgendwas mit gewaltfreier Kommunikation, Scham, Erkenntnis und dem Abgesang auf absolute Antworten.


Beispiel 1:


Die Gewaltfreie Kommunikation. Ich hielt sie immer für eines der absolut genialsten Werkzeuge, wenn es um die Verbesserung von Kommunikation und somit die Verbesserung von zwischenmenschlichen Beziehungen geht. Das führte soweit, dass ich die gewaltfreie Kommunikation als unabdingbare Bedingung für gelingendes systemisches Arbeiten definiert haben wollte:


„Die Verwendung von Worten wie „immer“, „dann“ und „nur“ macht aus einem einzelnen beobachteten Verhalten ein Persönlichkeitsmerkmal. Dann trenne ich nicht mehr Verhalten und Person, was systemisch notwendig ist und daraus leitet sich für mich eine Verpflichtung bzw. eine notwendige Orientierung an der gewaltfreien Kommunikation ab, wenn wir systemisch arbeiten wollen.“

Das gilt übrigens immer noch für mich. Gewaltfreie Kommunikation ist immer noch unabdingbar für mich und gleichzeitig habe ich gelernt, dass es Momente gibt, in denen eine gewaltvolle Kommunikation vielleicht gerade das ist, was es braucht. Denn dann kam die Scham. „Immer“, „dann“ und „nur“ können Sinn machen, wenn dadurch Scham sichtbar gemacht werden kann um dann aufgelöst werden zu können (siehe „Die Nähe ist ganz nah“; Uri Weinblatt; 2016; S. 75 ff.).



Beispiel 2:


Ich dachte ja lange Alleinsein kann ich. ABSOLUT. Bis die große Einsamkeit kam und ich den Unterschied zwischen (durchaus wohltuendem) Alleinsein und Einsamkeit lernen durfte. Michael Nast hat es in einem Insta-Feed (nennt man das so?) gut beschrieben: „Alleine ist man, einsam fühlt man sich“ (Man kann sich übrigens auch unter hunderten von Leuten einsam fühlen).



Beispiel 3:


Ich dachte immer, dass uns das kollektive Wissen um unsere Vergangenheit (Stichwort 2. Weltkrieg) und das kollektive Wissen um Mechanismen die zu so etwas führen (Stichwort autoritäre Persönlichkeit, Milgram-Experiment & Co.), uns davon abhalten, jemals wieder auch nur ansatzweise in die entfernte Nähe von irgendetwas Ähnlichem zu kommen.


Tja, denkste.

Dass konservative und populistische Parteien durch ihr Vorgehen und Verhalten den Nährboden bereiten, dass gewisse Dinge wieder salonfähig geworden sind, ist eine so gewaltige und unerträgliche Sache, dass der Schrei der Entrüstung eigentlich laut schallend und unaufhörlich durch die Straßen dieses Kontinentes, ja der ganzen Welt, schallen müsste. Nur meine Meinung. Und die Verantwortung dafür tragen auch jene Parteien, die sich gegenseitig seit Jahrzehnten blockieren, wenn es um moderne Bildungspolitik für dieses Land und für andere Länder geht. Nein, Menschen sind nicht per se dumm. Es hat nur vielen Menschen in diesem Land (und anderen Ländern) nie jemand beigebracht mit Ängsten (das sind Gefühle) und dem Bedürfnis nach Sicherheit (das ist ein Bedürfnis) adäquat (oiso sozial (das is was mit Menschen) verträglich) umzugehen.


Ich schweife schon wieder ab.

Relativ Relativ!

Soweit meine drei Beispiele. Derzeit begeistere ich mich für das Thema Scham. Ich weiß dass es auch hier Lücken geben wird (müssen). Und meine Aufgabe ist, meine Begeisterung für dieses Thema nicht allem überzustülpen, sondern mein Wissen zu diesem Thema mit Fertigkeiten zu ergänzen und in Zukunft dort einzusetzen wo sinnvoll. Wie zum Beispiel in der Beratung, wenn ich merke, dass es gerade die Worte „immer“, „nie“ oder „nur“ braucht, obwohl das dem Fan der Gewaltfreien Kommunikation in mir (Modell (oder Werkzeug) des Inneren Teams nach Friedemann Schulz von Thun) voll nicht passt.


Apropos Relativ. Ich hab da mal ein Gedicht geschrieben. Ich glaub es ist so etwa 20 Jahre her.



Relativ Relativ

Alles ist relativ im Leben
Absolutes gibt’s
Nur aufgrund der Perspektive
Doch meine ist divers
Und die Situation pervers
Alles ist relativ im Leben

Das ist nicht wahr!
Denn es gibt ABSOLUT beschissne Typen
So wie Dich
Widerlich
Und Bürgerlich
kanalisiert analysiert
Definierend ordnend
Teilend leidend
Und abtreibend
Von der Essenz der Existenz
Abstinenz von Mut zur Einsicht und Erkenntnis
Des Mangels an Weitsicht
Verspießt und
Verlogen
Selbst betrogen
Mich belogen hast du
Hasst Du Dich selbst oder
Nur mich?

Alles ist relativ im Leben
Absolutes gibt’s
Nur aufgrund der Perspektive
Doch meine ist divers
Und die Situation pervers
Alles ist relativ im Leben

Das ist nicht wahr!
Denn es gibt ABSOLUT 
Bezaubernde Momente
Geschenke 
der Zeit
Begegnungen und 
Ebnungen des Schicksals
Ewigkeit die zur Sekunde reduziert
Deinem Leben Leben injiziert

Alles ist relativ im Leben
Absolutes gibt’s
Nur aufgrund der Perspektive
Doch meine ist divers
Und die Situation pervers
Alles ist relativ im Leben

Das ist nicht wahr!
Denn es gibt die ABSOLUTE Liebe
Keine Triebe
Kein Besitz
Kein Neid und kein Eifer
der das Leiden sucht
Rein und echt
Ja fast unmenschlich
Übermenschlich
Überwältigend
Bändigend
Und befreiend
Verzeihend
und geduldig
Voller Kraft und Saft
Und Energie
Endet sie nie!

Ich schweife schon wieder ab.


Conclusio


Relativ kommt von Relation. Relation = Beziehung. Alles ist relativ.


Weil alles mit allem zusammen hängt.

Jeden Tag neu begrüßen. Jede Situation neu einschätzen. Mit all dem Wissen und der Sicherheit unserer Lebenserfahrung griffbereit und dennoch mit der Neugier, Naivität und dem Grundvertrauen eines Kindes. Sich auf vieles verlassen können und gleichzeitig stets die Lücke, die Tür offen lassen für Neues, für Oha-s und Aha-s und Wow-s.


Ich glaube tatsächlich, dass dies eines der Puzzleteile zum Glück sein kann.

Aber das mit dem Glück ist ja auch so eine Sache:


Don´t seek happiness. Happiness is like an orgasm. If you think abouit it too much, it goes away (Tim Minchin).

P.S.:


Apropos Relativ Realtiv, das zitierte Gedicht und…

Ich denke, nicht alles ist relativ.

Es gibt eine Sache die ich als absolut betrachte.

Die Liebe.

Wann auch immer wir relative Liebe erfahren, ist es meiner Meinung nach keine Liebe. Wenn es tatsächlich Liebe ist, dann ist sie absolut. Vollkommen. 100%. Sie entspricht nur nicht unseren anerzogenen Glaubenssätzen. Da wird’s wieder relativ relativ ;)




P.P.S.:


Kommt natürlich drauf an ob wir Liebe als Gefühl oder Bedürfnis meinen.



P.P.P.S.:


Und wie passen jetzt eigentlich Wissenschaft und Liebe zusammen?

here we go...



P.P.P.P.S.:


Ich glaube jetzt fällt mir nix mehr ein.



P.P.P.P.P.S.:


Doch. Mein ABSOLUTES Lieblingsvideo. Habt Euch lieb ;)







Bildquellen und Videoquellen in chronologischer Reihenfolge:

https://phantasia2.webnode.at/; abgerufen am 08.08.2023


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