• simonmitterbauer

„Bei uns im Dorf gibt es so etwas nicht“

Gestern (18.06.) blieb ich beim Zappen bei Maybrit Illner hängen. Thema: Kindesmissbrauch. Sonja Howard brachte mit einem praktischen Beispiel den perfiden Mechanismus dabei auf den Punkt. Und zwar so, dass mir körperlich schlecht war. Zu sehen in der ersten Minuten dieses Ausschnittes der Sendung.



Ich schaute weiter. Und beim Zusehen und Zuhören kamen mir allerlei Gedanken und Bilder in den Sinn.


Zum Beispiel der Kinderarzt aus meiner Heimat Oberösterreich, dem Missbrauch an sage und schreibe 109 Kindern zur Last gelegt wurde, der sich laut diesem Artikel zu einem Großteil schuldig bekannte und dann 13 Jahre ausfasste. Plus Einweisung. Darf der wirklich wieder raus wenn er „gesund“ ist? Soll er? Und hilft es dem Kampf gegen gesellschaftlich verankerten Missbrauch tatsächlich, wenn wir allen Kinderschändern den Penis abschneiden, wie es vielerorts gefordert wird? Oder hälfen solch drastische Maßnahmen nur, das Thema doch wieder soweit in die Schublade "Degenerierte Menschen" zu geben, damit wir uns eben nicht mit gesellschaftlich verankertem Missbrauch auseinander zu setzen brauchen? Weil es einfach wirklich heftig ist das anzugehen? Und dennoch kein Weg daran vorbei führt?


Mir kam dann auch noch der Corona-Lockdown in den Sinn. Corona-Krise und Häusliche Gewalt. Kurz Thema in der ZIB am gleichen Abend. Zu kurz. Während des Lockdown wurde es still. Sehr still. Zu still. Klar und deutlich beschrieben in diesem Artikel. Erfahrungen, Statistiken, Berichte und Erkenntnisse zeigen, dass von einem Ansteigen häuslicher Gewalt und damit verbunden Gewalt gegen Kinder und auszugehen ist. Ein Mit-Ansteigen sexueller Gewalt ist nicht auszuschließen, eher zu befürchten.


In der Sendung von Maybrit Illner, die Ganze Folge ist in der ZDF-Mediathek oder auf YouTube abrufbar, gab es viele weitere erdrückende Passagen. So etwa Julia von Weiler ab Minute 13:


„[...] Das bedeutet aber auch: Jeder von uns hat Kontakt mit Tätern oder Täterinnen. Und DAS wollen wir nicht. Nicht meine Freunde. Nicht meine Familie. Nicht mein Sportverein. Vielleicht in Hamburg. Vielleicht in Erfurt. [...] Aber nicht bei mir.“

Eine anstrengende Sendung. Verdrängen wäre einfacher. Und während ich diesen Satz schreibe wurde womöglich wieder ein Kind missbraucht. Irgendwo in Österreich. Irgendwo in Deutschland. Irgendwo?


Was können wir tun?


Uns informieren. Darüber reden. Hinschauen. Hinhören. Zum Thema machen. Der Grat zwischen Hinschauen und Rufschädigung mag oft ein schmaler sein, aber er ist zu gehen. Alternativlos.


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